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Was hat der Krankenpflegeverein Oberensingen mit Harald Juhnke, Jassir Arafat, Grace Kelly und Martin Luther King gemeinsam? Sie alle erblickten im Jahr 1929 das Licht der Welt. 1929 war ein wichtiges Jahr in der Geschichte des 20. Jahrhunderts. Nur einen Auszug dessen, was sich in diesem Jahr ereignete: Während der Völkerbundversammlung in Genf schlugen die Außenminister Frankreichs und Deutschlands, Briand und Stresemann, die Bildung Vereinigter Staaten von Europa vor. Die Regierungen lehnten ab. In Berlin lieferten sich am 1. Mai trotz eines Veranstaltungsverbotes auf einer Kundgebung zum Tag der Arbeit kommunistische Demonstranten mit der Polizei heftige Straßenkämpfe, die 31 Tote fordern. Besonders der amerikanische Kreditmarkt war durch Aktienspekulationen aufgebläht. Jeder wollte an der Börse schnell reich werden. Am sogenannten schwarzen Freitag im Oktober 1929 stürzten die Kurse in New York ins Bodenlose. Firmenzusammenbrüche, Bankenschließungen und Massenarbeitslosigkeit waren die Auswirkungen der Weltwirtschaftskrise. Zwischen September 1929 und Anfang 1933 stieg die Zahl der Erwerbslosen in Deutschland auf über sechs Millionen. Jeder dritte Arbeitnehmer war damit ohne Beschäftigung. Das Realeinkommen sank um ein Drittel, Armut und Kriminalität nahmen sprunghaft zu. Massenverelendung kennzeichnete das Alltagsleben breiter Bevölkerungsschichten. Für ältere Menschen bestand keinerlei Hoffnung auf eine Anstellung. Auch jüngere Arbeitslose mussten jede Chance eines kleinen Verdiensts ergreifen, um dem gefürchteten sozialen Abstieg und der Obdachlosigkeit zu entgehen. Viele Menschen erkannten nur im Freitod einen Ausweg aus ihrer existenziellen Not. Andere versuchten durch Heimarbeit, Hausieren und Tauschgeschäfte, den täglichen Überlebenskampf zu gewinnen oder zogen als Straßenmusikanten von Haus zu Haus. Für unzählige Frauen war Prostitution der letzte Ausweg. Diese schlimme Zeit ging auch an Oberensingen nicht spurlos vorüber. Die große Weltwirtschaft sorgte also auch hier vor Ort dafür, dass Menschen ums Überleben kämpfen mussten und dass manch ein Kind mit leerem Magen ins Bett ging. Zustände, die wir heute – Gott sei Dank - nur aus dem Fernsehen kennen. Umso mutiger von Ludwig Knauß und Karl Feldmaier in derart harten Zeiten, einen Krankenpflegeverein in Oberensingen zu gründen. Beide gehörten als Vertreter Oberensingens dem Nürtinger Gemeinderat an. Als Kommunisten stand für sie wahrscheinlich der Gedanke der Solidarität im Vordergrund. Zum ersten Ausschuss, der den Vorstand unterstützte, gehörte auch der Stadtpfarrer Paulus, obwohl er sicher eine andere politische Einstellung hatte als die beiden Initiatoren. Als Krankenschwester wurde eine Stuttgarter Diakonisse angestellt. Auch die Schwestern im damaligen Fürsorgeheim kamen aus diesem Mutterhaus. Bis 1980 lag die Krankenpflege in der Hand von Diakonissen. Schon zwei Jahre nach seiner Gründung hatte der Verein 253 Mitglieder. Wie sehr eine Schwester im damals noch kleinen Oberensingen gebraucht wurde, zeigen die Zahlen der Hausbesuche, die sie machte. Nach knapp vier Jahren Bestehen des Krankenpflegevereins hinterließ die große Politik ihre Spuren in der Vereinsgeschichte. Ludwig Knauß war auf der Flucht vor den Nazis und Karl Feldmaier war auf dem Heuberg interniert. Deshalb übernahm im Mai 1933 Pfarrer Paulus den Vorsitz des Krankenpflegevereins. Immer wieder hatte das politische Geschehen Einfluss auf die Geschicke des Vereins. So mussten auch die Aufgaben des Vereins den jeweiligen Erfordernissen angepasst werden. 1996 wurde der Krankenpflegeverein einer der Träger der neu gegründeten Diakoniestation Nürtingen. Es war nötig geworden, einen größeren Verbund zu schaffen. Der Verein hatte viele Jahre eine oder mehrere Schwestern beschäftigt, um die häusliche Krankenpflege vor Ort zu leisten. Dieses Modell war nicht mehr zeitgemäß. Aber auch wenn es nicht mehr so offensichtlich ist: der Krankenpflegeverein ist weiterhin notwendig. Denn auch heute wirken sich politische Vorgaben direkt auf die Pflege aus. Auf politischer Ebene wird nämlich festgelegt, was Pflege kosten darf, wie viel Zeit für die Pflege notwendig ist. Diese Vorgaben orientieren sich vor allem an wirtschaftlichen Gesichtspunkten und weniger an dem, was die Pflegebedürftigen wirklich brauchen. So wird schon die Frage „Wie geht’s“ zum Kostenfaktor, denn Zuwendung in seelischen Nöten lässt sich schlecht abrechnen. "Satt und sauber" allein genügt aber nicht. Ihr Beitrag, Ihre Spende hilft, dass die Mitmenschlichkeit nicht auf der Strecke bleibt.
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